"Kurier" vom 30.03.2009
Ressort: Leben
Seite: 14
Ausgabe: Wi,Abend,Wi,Morgen
Kein Wetter ohne Bauernregel
Eine alte Bauernregel (Bauernregeln sind in der Regel immer alt) besagt: "Ist der Winter hart und weiß, wird der Sommer schön und heiß." Na also, sehr tröstlich. Denn das bedeutet, dass wir im Juli und August Prachtwetter haben werden. Oder auch nicht. Denn das Problem ist leider: Es gibt Millionen solcher Weisheiten, schwankend zwischen wissenschaftlicher Beobachtung und komplettem Unsinn des Reimes Willen. So erdachten sich einst die Propheten (die womöglich gar keine Bauern waren): "Oktoberwinde, glaub' es mir, verkünden harten Winter dir." Recht so. Die Erinnerung an den stürmischen Herbst ist frisch genug für ein anerkennendes Nicken." Wäre da nicht die Antithese: "Sitzt im November fest das Laub, wird der Winter hart, das glaub'". Hm. Ist ein fest sitzendes Laub nicht ein untrüglicher Hinweis auf jenen starken Wind, der uns etwas pfeift, indem er nicht pfeift? Jedoch: Das Laub ist nur so herumgewirbelt im November (und die dazu gehörenden Äste und Bäume gleich mit ihm). Was den Umkehrschluss gestattet, dass wir den mildesten Winter aller Zeiten hätten erleben müssen. Stattdessen haben wir von Oktober bis März fast ein halbes Jahr lang gefroren. Was heißt, dass wir - Bauernregeln hin, meteorologische Kristallkugelblicke her - den schönen Sommer jetzt nicht irgendwie über den Kulanzweg haben wollen. Sondern als wohlerworbenes Recht. Getreu dem aktuellen Lebensmotto: "Nach Monaten voll Winterfrust, du Sommer-Hochs verdienen tust." Der März war diesbezüglich schon sehr hilfreich, weil der unbedingt grauenhaft sein muss, sonst wird das mit dem prächtigen Sommer nix. Der bauernschlaue Beweis: "Fürchte nicht den Schnee im März, darunter wohnt ein warmes Herz". Gleiches gilt natürlich für den April. Beten wir zum Wettergott, dass der nichts Wärmendes zu bieten hat, denn für einen ordentlichen Sommer müssen wir Opfer bringen. Daher: "Hat der April mehr Regen als Sonnenschein, so wird's im Juni trocken sein." Jawohl! Und auch der Mai darf uns nicht im Stich lassen. Mögen die Bauern recht haben, wenn sie orakeln: "Aus nassem Mai kommt trockener Juni herbei." Wir lernen: Es muss schütten, wochenlang, und wie. Dann dürfen wir im Sommer frohlocken. So erscheint auch gleich einer jener vielen Tierregeln in einem anderen Licht: "Wenn Füchse bellen und Wölfe heulen, wird große Kälte noch lange weilen." Sollten Sie also demnächst einem plärrenden Wolf begegnen, plärren Sie nicht mit, sondern bedenken Sie: Es ist ja für einen guten Zweck.
Copyrighthinweis: © Kurier - Wien, 2009.


