von xenia am Sonntag 21. März 2010, 14:53
nix für trebbi, er müsste scrollen.
leider nur im archiv des Kurier zu finden, deshalb kein verlinken möglich. aber dieses interview bietet viel stoff zum nachdenken, weshalb ich es hier hereinstelle. den "raucherteil" kopiere ich dann noch in den raucherthread :
"Kurier" vom 21.03.2010 7
Ressort: Seite 5
Seite: 6,7
Ausgabe: Wi,Abend
"Die Leidenschaft des Menschen ist die Knechtschaft"
Vereinheitlichte Schanigärten und Straßenpflaster, Rauchverbote und Helmpflicht, Zwangsmaßnahmen zum Schutz des Einzelnen - die Gesellschaft lebt mit immer mehr Regeln und immer weniger eigener Verantwortung. Und die Kategorie der Lust geht auch verloren, sagt Rudolf Burger.
KURIER:Herr Burger, wir sitzen hier in einem der Schanigärten auf dem Wiener Graben, die nach einem Rathaus-Verdikt alle gleich aussehen müssen. Wieso lässt sich eine angeblich liberale Gesellschaft diese Entindividualisierung gefallen?
Rudolf Burger: Wir leben nicht wirklich in einer liberalen Gesellschaft, sondern in einer Massengesellschaft. Der Liberalismus als konstitutive Lebensform war ans klassische Bürgertum geknüpft, das verschwindet. Was in traditionalen Gesellschaften durch Brauchtum, Traditionen geregelt war, wird in einer atomisierten Massengesellschaft zur Aufgabe einer staatlichen Ordnung.
Daher normiert der Staat Schanigärten?
Der Staat will in allen Bereichen eine künstliche Ordnung schaffen. Das Wimmeln von Willkür, das Zerfallen der Kulturen, muss unter Kontrolle gebracht werden.
Die Bevormundung, vom Rauchen bis zur Skihelmpflicht - woher kommt die?
Die Sicherheitsnormierungsmanie, die so nervt, hat zwei Ursachen: Die Herausbildung des modernen bürokratischen Flächenstaates und die Industrialisierung. Eine industrielle Produktion gibt es nur unter normierten Bedingungen.
Einheitliche Schraubengewinde machen ja auch Sinn.
Natürlich, all dem haften ja auch Momente der Sinnhaftigkeit an.
Aber die Normierung geht über die Schrauben hinaus.
Ja, mit der Digitalisierung kam ein weiterer Schub. Ich meine nicht nur die Computerisierung im technischen Sinn, sondern die Digitalisierung selbst - die Umrechnung von Qualitäten in Quantitäten, die digitale Denkweise.
Wir denken nur noch in Rastern und Rankings?
Die Rankings sind ein gutes Beispiel. Die Qualität unterliegt der Funktion. Aus der Dialektik der Aufklärung gibt es den schönen Satz: Die Umrechnung der Qualitäten in Funktionen überträgt sich mittels der rationalisierten Arbeitsweise auf die Erfahrungswelt der Völker und nähert diese tendenziell wieder der der Lurche an.
Die europäische Gesellschaft ist eine der Lurche?
Auch in der EU gibt es eine Digitalisierung des Denkens. Die EU verlangt neue Formen von Normierungen, um einen homogenen Raum herzustellen. Gurkenkrümmung, Traktorensitze, das geht bis ins Intim- und ins Privatleben - nehmen Sie die Rauchverbote zum Beispiel.
Solche Normen dienen ja dem Schutz der Menschen.
Ja, vorgeblich. Der Wiener Soziologe Peter Berger hat erzählt, dass ein US-Staatssekretär ihn fragte, wie man das Rauchverbot durchsetzen könnte. Berger sagte, das gelingt Ihnen nie, wenn Sie auf die Gefahren des Rauchens für den Raucher aufmerksam machen, sondern nur, wenn Sie die Gefährdung der anderen behaupten. Es gibt keine einigermaßen validen Untersuchungen, die die Gefährdung des Passivrauchens belegen. Das wird nur behauptet.
Und das volkswirtschaftliche Argument?
Da kommt etwas ganz Faschistoides dazu - abgesehen davon, dass in der Öffentlichkeit rauchen zu dürfen eine Forderung der 48er-Revolution war, die eine ganze Kultur geprägt hat. Alle großen Intellektuellen und Politiker, Sartre, Malraux, Churchill, de Gaulle, waren Raucher, der einzig militante Nichtraucher war Hitler.
Was ist am Rauchverbot faschistoid?
Wenn ich auf dem Motorrad ohne Helm fahre oder im Auto ohne Gurt, gefährde ich mich selbst. Aber, man sagt mir: Indem ich mich gefährde, belaste ich das Gesundheitssystem. Das tendiert zur Formel: Gemeinnutz geht vor Eigennutz. Und das ist die klassische faschistische Formel.
Faschistoide Normierungen in der Demokratie?
Unsere Demokratie ist eine andere als die im alten Athen, wo jeder Bürger verpflichtet war, mitzutun. Die war wie ein Kriegsschiff, auf dem jeder seine Funktion hatte. Die heutige Demokratie ist wie ein Kreuzfahrtschiff, da gibt's eine kleine Mannschaft, und der Rest wird transportiert und verköstigt. Die moderne Demokratie passiviert den Bürger und sorgt für ihn. Ihr wesentliches Element ist nicht die Herrschaft des Volkes, sondern seine Bändigung.
Und wir lassen uns allzu gerne bändigen?
Nietzsche schreibt: Wo immer ich hinsah, sah ich Willen zur Macht. Das war der große Irrtum Nietzsches. Die wirklich tiefste Leidenschaft des Menschen ist die Knechtschaft. Sie wollen einen Herren, sie müssen etwas haben, woran sie sich orientieren können, den lieben Gott, den König, die Ordnung. Die allermeisten Menschen sehnen sich danach. Und dass man ihnen Verantwortung abnimmt. Wenn in einem Tunnel ein Unfall passiert, fahren die Menschen nicht vorsichtiger, sondern der Tunnel wird um viel Geld ausgebaut, das im Gesundheitswesen mehr Menschen retten könnte, oder? Genau. Und das wird weitergehen, inklusive Gesundheitswahn samt Ratgebern. Das spiegelt Gesundheit vor, in Wirklichkeit macht's die Leute krank. Oder: So lange der Bundesheereinsatz an der Grenze stattfindet, werden sich die Leute nicht sicher fühlen, weil sie aufgrund offenkundiger Bedrohung unsicher sind. Wenn Sie das Heer abziehen, werden sie sich erst unsicherer fühlen und es dann vergessen.
Die Normierung weckt ein Unsicherheitsgefühl, das mit ihr abgedeckt wird?
Ein progredierender Prozess. Jede Sicherungsmaßnahme verlangt eine weitere. Das ist wie mit einer Maschine, die man auch immer verbessern kann und muss.
Und das führt zum Ende der Eigenverantwortung.
Exakt. Ich sag' ja nicht, dass es gesund ist, zu rauchen. Aber es ist der Zwang, die Mikronormierung des Alltags - das geht auf Kosten der Individualität. Der Mensch verlernt Eigenverantwortung. Und er verliert die Kategorie der Lust. Lüste waren immer auch mit Gefahren verbunden, ob im Sport, ob in der Sexualität - das verschwindet.
Und es bleibt ...
... der Staat mit seiner Hirtenfunktion, und das Volk ist verwandelt in Schäfchen. Das geht auf Kosten von vielem, von Freiheit, auch von Schattenseiten einer Gesellschaft, die wichtig sind. Wir leben dauernd im Licht, aber Schattenseiten sind auch das, was ein Leben lebenswert macht.
Copyrighthinweis: © Kurier - Wien, 2010.
"Kurier" vom 21.03.2010
Ressort: Seite 5
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Ausgabe: Wi,Abend
Zur Person: Unbequemer Intellektueller
Rudolf Burger gilt als einer der letzten unbequemen Intellektuellen in Österreich. 1938 in Wien in ein kommunistisches Elternhaus geboren, studierte Burger Physik. Ende der Sechzigerjahre war er im deutschen Wissenschaftsministerium tätig. 1979 habilitierte sich Burger in Wissenschaftssoziologie und wurde Professor an der "Angewandten" in Wien. Ab 1991 war er Vorstand für Philosophie, ab 1995 Rektor der "Angewandten". Seit 2007 ist der Philosoph, der die "Irrtümer der Gedenkpolitik" ebenso aufgespießt hat wie die kriegsgeile Haltung der österreichischen Außenpolitik im Balkankrieg, emeritiert.
Copyrighthinweis: © Kurier - Wien, 2010.
Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.
Albert Einstein
