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von virginia am Dienstag 3. Juni 2008, 17:35
Weil es ein weit verbreitetes - und ziemlich unbewusstes - Phänomen ist, soll sich dieser Faden mit den Grundformen der Angst auseinander setzen. Grundlage ist Fritz Riemanns "Grundformen der Angst, eine tiefenpsychologische Studie". Münschen: Ernst Reinhardt Verlag. 2003, 35. Auflage Riemann geht davon aus, dass Angst zu unserem Leben gehört. Angst kann einerseits aktivieren, sie kann aber auch lähmen. Annehmen und Meistern der Angst ist ein Entwicklungsschritt, darin zu verharren ist Stagnation. Angst tritt dort auf, wo wir einer Sitution nicht gewachsen sind, in der wir uns ohnmächtig und hilflos fühlen. Daher bringt auch jeder Entwicklungsschritt etwas Angst vor dem Unbekannten, Neuen mit sich. Weil wir uns allerdings in einer Welt befinden, die sich rasant weiter entwickelt, begleitet und diese Angst. Es gibt in unserer Entwicklung also ganz normale und entwicklungsbedingte Ängste, sie gehören zu unserm Leben. Entwickeln wir uns weiter, lernen wir, damit umzugehen und nehmen sie nur mehr als "Lampenfieber" wahr. Neben dieser "Gesunden Form der Angst" gibt es eine Fülle ganz persönlicher Ängste, z.B. Angst vor Einsamkeit, Menschenansammlungen, Angst vor Brücken oder Höhen, Angst vor geschlossenen Räumen, Spinnen, Mäusen..... Ausländern  Alle möglichen Ausprägungen haben 4 Grundformen: Angst vor Nähe, Angst vor Distanz, Angst vor Wandel und Angst vor Dauer.
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virginia
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von virginia am Dienstag 3. Juni 2008, 17:46
Die Ängste hängen zusammen mit Forderungen, denen wir von Anfang an begegnen.
1. Wir werden geboren und sollen uns - auf Sicht - zu einem eigenständigen Menschen entwickeln. Einzigartig, nicht austauschbar. Damit geht aber Angst einher, dass wir uns von anderen unterscheiden und dadurch nicht mehr dazu gehören dürfen. Wenn wir uns zu einem eigenständigen Individuum entwickeln, fallen wir aus der Geborgenheit des Dazugehörens, des "Auch-wie-die-anderen-Sein" heraus - das bringt Einsamkeit. Daher haben wir Angst vor Distanz.
2. Gleichzeitig sollen wir lernen, uns dem Fremden, der Welt, dem Leben, öffnen. Damit ist - im weitesten Sinn gemeint - mit anderen gemeinsam Dinge zu erreichen, mit anderen zu leben, zu arbeiten. Damit ist die Gefahr verbunden, das eigene Ich zu verlieren, sich zu sehr "anpassen" zu müssen, zuviel seiner Persönlichkeit aufgeben zu müssen. Wenn wir das nicht riskieren, werden wir Einzelwesen, Außenseiter, ohne Bindung, ohne Zugehörigkeit und Geborgenheit. Daher haben wir Angst vor zu viel Nähe.
Dh. für dieses Gegensatzpaar: Die Herausforderung liegt darin, sowohl Selbstverwirklichung zu leben wie auch "Selbsthingabe" im Sinne von "für andere sein".
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von Querulator am Dienstag 3. Juni 2008, 17:53
Ah! Bisher wusste ich nur vom Riemann'schen Logarithmus und vom Riemann'schen Intrgral. Beide können unter Anderem Prüfungsangst auslösen. Da kommt die fünfte Angst auf: Angst vor einem FleckIm Übrigen hat man nicht immer genau vor dem Angst, vor dem man sie zu haben glaubt sondern mitunter sogar vor dem Gegenteil davon. Angst Castor, 1988
Berührungsangst ist nicht die Angst vor der Berührung sondern die Angst, losgelassen zu werden.
Fallangst ist nicht die Angst vor dem Fall sondern die Angst vor dem Augenblick, in dem der Fall endet.
Beziehungsangst ist nicht die Angst vor einer Beziehung sondern die Angst vor dem Zerbrechen der Beziehung.
Scham ist nicht die Angst, jemand könnte hinsehen sondern die Angst, jemand könnte wegsehen.
Todesangst ist nicht die Angst vor dem Tod sondern die Angst vor dem, was danach kommt.
Zukunftsangst ist nicht die Angst vor der Zukunft sondern die Angst vor keiner Zukunft.
Die Angst vor der Freiheit ist nicht die Angst vor Freiheit selbst sondern die Angst, sie sich nehmen zu wollen.
"Das Problem im Internet ist, dass man nie weiß, ob die Zitate authentisch sind."
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von virginia am Dienstag 3. Juni 2008, 17:57
Querulator hat geschrieben:Im Übrigen hat man nicht immer genau vor dem Angst, vor dem man sie zu haben glaubt sondern mitunter sogar vor dem Gegenteil davon.
Du triffst damit den Nagel auf den Kopf. Es ist genau das. Es sind jeweils 2 Achsen: Angst vor Nähe - man geht auf Distanz will aber nichts so sehr wie Nähe. Wenn man sie dann bekommt, hat man Angst sie zu verlieren. Daher nimmt man sie gar nicht erst. Und Angst vor Distanz, man tut alles, um Nähe zu bekommen und hat einfach Angst, den anderen zu verlieren. Damit treibt man ihn aber im Normalfall weg... Auch Nähe - Wandel ist ein Gegensatzpaar.
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von Querulator am Dienstag 3. Juni 2008, 18:06
Da fragt sich nun: Hätte ich den Nagel auch auf den Kopf getroffen, hätte der Angst gehabt? Wäre er zitternd verharrt oder eilig vor dem Hammer geflohen?
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von virginia am Dienstag 3. Juni 2008, 18:08
Wir streben Dauer an. Wir lassen uns häuslich nieder, richten uns ein, planen die Zukunft. Wir sind zielstrebig und tun so, als würden wir ewig leben. Wir wollen eine stabile, überschaubare Welt. Sie soll vorhersagbar sein. Wir wissen aber gleichzeitig (unbewusst), dass wir jederzeit sterben könnten - was wir verdrängen. Das Wissen um unsere Vergänglichkeit macht Angst. Wir müssen uns der Veränderung stellen, dem Ungewissen, weil das Leben niemals stillsteht und wir in einer zeit des ununterbrochenen Wandels leben. Wenn wir aber andererseits auf Dauer verzichten würden, würden wir nichts schaffen und verwirklichen, keine Ziele haben. So leben wir in der Idee, wir hätten unbegrenzt Zeit zu leben, als wäre alles stabil. Diese Illusion ist ein wesentlicher Impuls, der uns zum Handeln treibt - und birgt die Angst vor jeder Veränderung
Gleichzeitig stellt sich uns ununterbrochen die Herausforderung, uns zu verändern. Survival of the fittest - die Anpassungsfähigsten... Wir sollen immer bereit sein, uns zu verändern, Vertrautes aufzugeben, Traditionen und Gewohnheiten ändern. Weil wir das sollen, fühlen wir uns durch Ordnungen, Regeln, Gesetze eingeengt, sehen uns begrenzt in unseren Möglichkeiten und Freiheiten. Hier droht der Tod der Erstarrung, der Endgültigkeit. Würden wir den Drang zum Neuen, zum Abenteuer aufgeben, würden wir im Gewohnten, Einförmigen, aufgespießt wie Schmetterlinge in der Mitte der Zeit erstarren. Das ist die Angst vor Dauer
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von virginia am Dienstag 3. Juni 2008, 19:33
Querulator hat geschrieben:Da fragt sich nun: Hätte ich den Nagel auch auf den Kopf getroffen, hätte der Angst gehabt? Wäre er zitternd verharrt oder eilig vor dem Hammer geflohen?
ein Hammer hat gegenüber dem Menschen einen Vorteil - er kennt keine Emotionen 
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von virginia am Dienstag 3. Juni 2008, 19:50
Riemann geht davon aus, dass alle anderen Ängste Variationen dieser 4 Grundängste sind. Zu jedem Streben nach Dauer gehört die Angst vor dem Gegenteil, nämlich Veränderung. Zu jedem Streben nach Nähe gehört die Angst vor dem Gegenteil, der Distanz. Paradoxerweise wird häufig durch das Verhalten dann genau das Gegenteil erzeugt.
Diese Ängste werden erlernt, wir lernen sie in der Kultur und Umgebung, in der wir aufwachsen. Wie schon erwähnt, kann Angst durchaus positive Aspekte haben, Motivation erzeugen. Es ist lebenswichtig, dass Menschen nicht in ein Feuer hineinlaufen, sondern weg davon. Dh., eine "gesunde" Angst zu haben, die vor Gefahr schützt, macht Sinn.
Schwer belastend kann eine Angst werden, wenn sie ein gewisses Maß übersteigt oder lange anhält. Dann entwickeln sich daraus Neurosen, Panik oder Kurzschlusshandlungen.
Die jeweiligen Ängsten führen in dieser Form zu 4 Persönlichkeitsstrukturen, 4 Arten des In-der-Welt-Seins. Je ausgeprägter diese Persönlichkeitsstrukturen sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie aufgrund frühkindlicher Entwicklungsstörungen oder Ausnahmesituationen entstanden sind, wie z.B. Krieg, Gefangenschaft, Lebensgefahr, Katastrophen, aber auch innerseelische Erlebnisse.
Die 4 Persönlichkeitsstrukturen sind zuerst Normalstrukturen, also Grundeinstellungen. Werden aber Grenzwerte überschritten, stösst man dabei auf die 4 Neurosenformen der Tiefenpsychologie:
die Schizoidie die Depression die Zwangsneurose die Hysterie
Riemann meint, wer ein bisschen von allem hat, ist durchschnittlich gesund. Bewegt man sich auf den Achsen allerdings zu stark auf eine Seite hin, also Nähe - Distanz (stark auf Nähe oder Distanz) und Dauer - Wandel (stark auf Dauer oder Wandel), kann es zu schweren Störungen kommen.
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von f.art am Dienstag 3. Juni 2008, 19:57
OT Der Narr hält sich für weise, aber der Weise weiß, dass er ein Narr ist. Shakespeare
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von virginia am Dienstag 3. Juni 2008, 20:07
Jeder von uns möchte gern einzigartig sein, und als einzigartiges Wesen gesehen werden. Wir merken es daran, wenn uns jemand mit einem falschen Namen anspricht, oder uns mit dauernd mit einer anderen Person verwechselt. Wie wirkt es sich aus, wenn jemand vorwiegend die "Selbstbewahrung" lebt?
Er wird versuchen, so selbstständig wie möglich zu werden. Auf niemanden angewiesen zu sein, niemanden brauchen, niemandem verpflichtet zu sein. Er distanziert sich von anderen, lässt sie nicht zu nahe kommen. Wird diese Distanz überschritten, empfindet er es als Bedrohung. Nähe lässt sich aber nicht vermeiden, daher versucht er, sich davor zu schützen. Also versucht er, Menschen zu "versachlichen". Es geht nicht um den Menschen in der Begegnung, sondern um die Sache. Bringt jemand einen Kuchen mit, wird der Kuchen gelobt, nicht der Mensch, der ihn bringt.
Auf die Umwelt wirken solche Menschen kühl, distanziert, unpersönlich bis kalt. Ihre Reaktionen stoßen häufig vor den Kopf. man kann sie lange kennen, ohne zu wissen, was ihnen wichtig ist, was sie bewegt. Je näher sie kommen, desto schroffer werden sie. Sie reagieren häufig mit Feindseligkeit, die von Mitmenschen als verletzend empfunden wird.
Durch das Vermeiden von Nähe wird der schizoide Mensch immer einsamer. Wenn jemand versucht, ihm nahe zu kommen, Zuneigung zu zeigen, empfindet er es als gefährlich. Das erklärt, warum er in solchen Situationen abweisend und schroff reagiert.
Durch die Kontaktlücke zur Umwelt weiß er jetzt aber gleichzeitig zu wenig von ihr und weiß auch nie, was in anderen Menschen vorgeht. Das erfährt man nur, wenn man sich Menschen zuwendet. Daher ist er auf Vermuten angewiesen und dadurch zutiefst verunsichert. Er kann nicht unterscheiden, ob seine Eindrücke vom anderen nur seine Einbildung sind oder tatsächlich zutreffen. Er weiß nie genau, ob das, was er fühlt und denkt nur in sich selbst existiert oder auch draußen. Das "Ich" entsteht immer nur im Kontakt mit dem "Du". Und das kann er nicht, dadurch fehlt ihm die Orientierung in der Welt. Diese Unsicherheit kann unterschiedliche Grade annehmen: von immer wachen Misstrauen bis zur krankhaften Eigenbezüglichkeit, Wahnvorstellungen und Wahrnehmungstäuschungen. Er kann diese Täuschungen auch nicht korrigieren, weil ihm die Überprüfungsmöglichkeit fehlt, da er niemanden an sich heranlässt.
Er muss, um in der Welt zurecht zu kommen, also Strategien entwickeln: Er strebt die "Reine Erkenntnis" an, abgelöst von allen Emotionen und Gefühlen. Es geht um Daten, Zahlen und Fakten, an etwas anderem kann er sich nicht festhalten.
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von virginia am Dienstag 3. Juni 2008, 20:09
f.art hat geschrieben:OT Der Narr hält sich für weise, aber der Weise weiß, dass er ein Narr ist. Shakespeare
Ich würde das gern erweitern: Der Weise hat viel Vergnügen daran, ein Narr zu sein 
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von virginia am Dienstag 3. Juni 2008, 20:51
für diese Persönlichkeitsstruktur werden vor allem jene Entwicklungsschritte schwierig, in denen es um Kontakt geht. Weil Nähe Angst auslöst, muss er sich umso mehr zurücknehmen, je näher ihm jemand kommt. Wenn das bereits in der Kindheit auftritt, z.B. Kontaktschwierigkeiten, Zurückziehen im Kindergarten oder Klasse, wenn kein Freund gefunden wird, das Kind sich als Außenseiter erlebt, sich das Kind zurückzieht, sind das Signale. Noch problematischer wird das in der Zeit der Partnerschaft. Wie soll ein Mensch, der nicht gelernt hat, Nähe zuzulassen, das aufkommende sexuelle Begehren an einen Partner herantragen? Die Lösungsversuche können verschieden aussehen: Diese Persönlichkeit lässt sich nur auf unverbindliche oder rein sexuelle Beziehungen ein. Der Partner ist nur Sexualobjekt. So schützt sich der Mensch davor, dass bei näherem Kontakt seine ganze Unbeholfenheit, Unerfahrenheit offenbar wird. Zugleich auch vor der Gefahr des Liebens. Daher wehrt er Zeichen der Liebe des Partners ab, sie sind ihm eher peinlich. Es besteht auch die Neigung, den Partner nach der erreichten Befriedigung möglichst schnell wieder loszuwerden. Schwieriger wird es, wenn der Schizoide seinen tiefen Zweifel am Geliebt Werden können am Partner auslässt. Er setzt ihn permanenten Bewährungsproben aus, fordert immer neue Liebesbeweise. Das kann sich bis zum seelischen und eigentlichen Sadismus steigern. Das kann ausgesprochen destruktiv werden: Zeichen der Zuneigung werden abgewertet, umgedeutet: z.B. als Ausdruck des schlechten Gewissens. Häufig tritt diese Form auch als Zynismus auf. Damit wird im Partner jede Liebesbereitschaft zerstört, es sei denn, er ist der masochistische Gegentypus, der aus Schuldgefühlen, Verlustangst glaubt, alles in Kauf nehmen zu müssen. Manchmal äußert sich die unterdrückte Liebesfähigkeit als extreme Eifersucht, bis zum Eifersuchtswahn. Unbewusst ahnt der Schizoide, dass er wenig liebesfähig ist und ahnt, dass er so niemanden halten kann. Daher wittert er überall Rivalen, sieht überall Feinde. Natürliche Verhaltensweisen des Partners werden ins Dämonische umgedeutet. Damit zerstört er die Beziehung, so nach dem Motto: Wenn es für mich unmöglich ist, geliebt zu werden, zerstöre ich lieber, was ich nicht halten kann. Gerade da, wo er lieben möchte und geliebt werden möchte, verhält er sich so, dass das Gegenteil passiert. Eine andere Variante ist auch: Wenn mein Partner das auch noch erträgt, liebt er mich wirklich.... Daran lässt sich auch erkennen, für wie wenig liebenswert sich solche Persönlichkeitstypen halten. Ist die Gefühlskälte noch weiter fortgeschritten, steigert sie sich ins Extreme und kann bis zu Vergewaltigung und Mord führen. Die weitgehende Unfähigkeit, sich in den Partner (oder andere) einzufühlen gekoppelt mit einer "abgespaltenen Triebseite" der Persönlichkeit ist bei Triebverbrechern häufig. Zusammenfassend kann gesagt werden: Dem schizoide Menschen fällt es ungeheuer schwer, seine Liebesfähigkeit zu entwickeln. Er ist sehr empfindlich gegen alles, was seine Freiheit einschränken könnte. Er kommt am besten mit einem Partner zurecht, der ihm unaufdringliche Zuneigung, ein Stück Heimat und Geborgenheit gibt. Wer ihn zu "nehmen" versteht, kann mit seiner tiefen Zuneigung rechnen - die er allerdings nicht zu zeigen versteht 
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von virginia am Dienstag 3. Juni 2008, 21:04
Angst und Aggression hängen eng zusammen. Häufig löst Angst Aggression aus. Die frühe Form der Angst ist Unlust.
In der Frühzeit wird sie durch intensive Frustrationen ausgelöst: Hunger, Kälte, Schmerzen, Störungen des Eigenrhytmus und der Integrität des Lebensraums, Überbelastungen der Sinnesorgane, Einschränkung der Bewegungsfreiheit, Einsamkeit. Angst ist in dieser Zeit eigentlich intensive Unlust, beim Kleinkind fallen Angst und Aggression zeitlich praktisch zusammen. Das Kleinkind kann schreien, strampeln, um sich schlagen. In dieser Zeit unterscheidet das Kind noch nicht das ICH vom DU, diese Aggressionen sind ungerichtet, auf niemanden bezogen. Es ist einfach Abreaktion von Unlust. Diese Form von Aggression ist spontan, unkontrolliert, noch unbezogen - daher auch ohne Schuldgefühle.
Die Intensitiät der archaischen Angst ist ungemein groß, weil das Kleinkind völlig hilflos ist. Daher ist die Aggression und Wut total - das Kind ist "ganz Wut", und "ganz Angst". Es versucht, sie abzureagieren.
Sich zurück nehmen oder flüchten (oder totstellen) sind die beiden Urformen der Reaktion auf Angst.
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von virginia am Dienstag 3. Juni 2008, 21:21
Bleibt ein schizoider Mensch bindungslos, erlebt er sich als ungeschützt und gefährdet, reagiert er archaisch: sofortige Aggression, die die Angst beseitigen soll. Das kann beim Schizoiden sehr gefährlich werden: durch seine Gefühlskälte und Unfähigkeit, sich in andere emotional zu versetzen, ist es eine "Triebabfuhr" ohne Rücksicht. Es sind keine bremsenden Kräfte vorhanden. Schizoide Persönlichkeiten haben keine Vorstellung von der Wirkung ihrer Affekte und Aggressionen auf andere - sie haben sich ja "nur" abreagiert. Daher sind sie oft scharf, verletzend, brüsk, ohne es zu wissen. Untersuchungen in einem amerikanischen Gefängnis zeigten, dass schizoide Gefangene einen doppelt großen Schutzkreis hatten wie andere Gefangene. Wurde dieser Schutzkreis überschritten, kam es sofort zu einer wüsten Schlägerei. Begründung: Wenn man meine Distanz durchbricht, kommt Hass auf.... Häufig erleben Schizoide durch ihre Bindungsunfähigkeit die Annäherung eines Menschen als Bedrohung, die Angst auslöst sich in Aggression äußert. Das kann bis zur Gewalttägigkeit führen. Abgesehen von Extrembeispielen ist es für diesen Persönlichkeitstypus grundsätzlich nicht einfach, seine Aggression zu kontrollieren. Sie leiden selbst nicht darunter, wohl aber ihre Umwelt. Was ursprünglich Angstabwehr war, kann bis zur lustvollen Aggression gehen  , bis zu allen Formen des Sadismus  Schroffheit, verletzende Schärfe, Zynismus und sekundenschnelles Umschlagen von Zuwendung in Feindseligkeit  sind ihre häufigsten Ausdrucksmöglichkeiten für Aggression. Aggression hat noch eine weitere Funktion: Es ist oft das einzige Mittel, Kontakt aufzunehmen. Aggression kann ein Versuch sein, Zuwendung zu bekommen. Beim Schizoiden gibt es die Mischung zwischen Angst und Begehren, er verhält sich daher häufig wie ein Pubertierender, der auch keine Gefühle zeigt, und versucht, durch Lässigkeit und cool-sein oder auch Zynismus in Kontakt zu kommen. Das ist wichtig zu wissen: Aggression fällt diesem Typus leichter als Äußern von Gefühlen. Sie brauchen viel Geduld und gleichmäßige Zuwendung, damit sie ihre Kontaktlücken auffüllen können und es lernen, mit ihren Aggressionen adäquat umzugehen.
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von Querulator am Dienstag 3. Juni 2008, 22:02
virginia hat geschrieben:...
Diese Ängste werden erlernt, wir lernen sie in der Kultur und Umgebung, in der wir aufwachsen. Wie schon erwähnt, kann Angst durchaus positive Aspekte haben, Motivation erzeugen. Es ist lebenswichtig, dass Menschen nicht in ein Feuer hineinlaufen, sondern weg davon. Dh., eine "gesunde" Angst zu haben, die vor Gefahr schützt, macht Sinn.
Schwer belastend kann eine Angst werden, wenn sie ein gewisses Maß übersteigt oder lange anhält. Dann entwickeln sich daraus Neurosen, Panik oder Kurzschlusshandlungen.
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Das zeigt eine wichtige Sache, auf die man hinweisen sollte: Die Angst, die uns vor Gefahren bewahrt, ist durch Instinkte vorgegeben und führt nicht zu Neurosen. Entsprechen die Auslöser denen, an denen sich der Instinkt entwickelt hat, und ein Tier wird, soweit es nicht durch falsche Wahrnehmung irregeleitet wird, richtig reagieren. Der fehlbare Verstand des Menschen setzt ein, wenn der Instinkt für die Situation nicht ausreicht, und der kann sich in Neurosen verirren.
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